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08 Das Ideal des Krieges und das Ideal der Freiheit. Von der kinematografischen Bedrohungsanalyse des Faschismus zur Organisiation demokratischer Mobilisierung


Die Vielstimmigkeit der Bilder, die Ausnutzung der ganzen Bandbreite innerhalb der Polyperspektivität des Hollywood-Genrekinos wird im ständigen Wechsel der Darstellungsmodi selbst ein funktionales Element in der Dekonstruktion der Homogenität faschistischer Medieninszenierung. Für die Zuschauer ist die Welt des Gangstergenres durch den klaren Gegensatz von Recht und Gewalt, von Macht als Organisationsform eines Gemeinwesens und Terror als anarchistisch-individuelle Revolte gegen eben dieses Gemeinwesen strukturiert. Damit wird einerseits die Bedrohung durch den Feind auf das affektive Muster des Gangstergenres gebracht: es ist eine Bedrohung durch rohe Gewalt. Andererseits wird den Führern der feindlichen Staaten jede politische Legitimität abgesprochen: Sie üben Gewalt aus, nicht Macht; die Unterwerfung der Massen unterscheidet sich als terroristische Vergemeinschaftung – eine Art naturhafter Hordenbildung – kategorial von den Formen politischen 

Lebens einer demokratischen Gesellschaft.


Um diesen kategorialen Unterschied zwischen Gewalt und Macht geht es, wenn der Film sich schließlich erneut (wir bewegen uns in der 25. Minute) dem politischen und sozialen Leben Amerikas36 zuwendet, nachdem die Etappen Arbeit, Religion, Familie, Politik ausgeschritten sind.


Dieses gemeinschaftliche Leben ist von einem dauernden Wettstreit der konkurrierenden Meinungen und politischen Institutionen bestimmt, die richtige Lösung für die alltäglichen Lebensprobleme zu finden; Lebensprobleme, so der Tenor, welche die Amerikaner mit den Europäern gemein haben; sie teilen sie mit allen Menschen und allen Nationen. Der pursuit of happiness schließt den Kampf mit dem sozialen Elend genauso ein wie das moralische und politische Versagen. Nur kann deren Lösung niemals auf Kosten des Ideals der Freiheit gehen.  


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Why We Fight, Episode PRELUDE TO WAR, Frank Capra, USA 1942 (25. bis 27. Minute und 29. bis 30. Minute)
 

 

 

 

 

 


Es werden die Ideale der Freiheit variiert: die Freiheit des Glaubens, die Freiheit der öffentlichen Rede, die Freiheit der Menschen, die ihr Glück zu machen suchen – die selbst durch soziales Elend nicht infrage gestellt ist – und es darin finden, ihren Kindern die Möglichkeit zu verschaffen, sich wiederum als freie Individuen zu entfalten.



In Frage steht nicht, ob mit diesen Formeln ein ideologisches Konstrukt aufgerufen wird, sondern der Umstand, dass sich der Film auf Bilder des alltäglichen Lebens alltäglicher Individuen stützt, wenn er diese Ideale proklamiert. 
Offenbar hält der Film genau das für ausreichend, den adressierten Zuschauern – also den Soldaten – die Zustimmung abzugewinnen, ihr Recht auf dieses alltägliche

Leben aufzugeben und in den Krieg zu ziehen, und offenbar kann er sich darauf verlassen, dass der Wert, den er diesem Alltagsleben zumisst, von seinen Zuschauer geteilt wird. Jedenfalls hält sich der Film nicht mit der Begründung dieses Ideals auf, sondern versucht, die Bedrohung dieses alltäglichen Lebens evident werden zu lassen. 



36 Dass die tugendhafte Schöne, dass Amerika – wie jede melodramatische Heroine – ein Idealbild darstellt, das von den Ambivalenzen gesellschaftlicher Realität durchlöchert ist, darauf weist schon die Bezeichnung „The slave world“ hin: Die Herrschaft der Sklaverei, die weder die Familie noch die Arbeit, weder das Glück des Einzelnen noch dessen Religion achtet, ist die größte Hypothek der amerikanischen Gesellschaft, die sich als rassistische Spannung einer multiethnischen Gesellschaft in diesen wie in zahllosen anderen Filmen eingeschrieben hat. Die Sklaverei ist als Erbe einer schuldhaften Vergangenheit der Nation in der Widersprüchlichkeit, die sich in allen Filmen des Zweiten Weltkrieges zeigt, immer präsent – wenn auch nicht selten in der Abwesenheit afroamerikanischer Soldaten. [^]

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