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2.4 Verfremdung - ein Blick außen

Von der Figur zum gesellschaftlichen Beziehungsgeflecht


Man könnte auch sagen, Brecht habe die Sache einfach umgedreht; er mache im Gestus das implizite Theater des alltäglichen sozialen Verhaltens zum primären Gegenstand ästhetischer Darstellung, während nun die fiktiven Figuren ihrerseits zum Mittel der Beschreibung des sozialen Gestus werden.

Ein Mensch, der Fisch verkauft, zeigt unter anderm den Verkaufsgestus. Ein Mann, der sein Testament schreibt, eine Frau, die einen Mann anlockt, ein Polizist, der einen Mann prügelt, ein Mann, zehn Männer auszahlend — in all dem steckt sozialer Gestus.19

Der Begriff sozialer Gestus verschiebt den Fokus der Darstellung von der Figur zu dem gesellschaftlichen Beziehungsgeflecht, in dem diese sich bewegt. Innerhalb dieses Beziehungsfelds bildet der soziale Gestus die Konstante

 

eines Verhaltensstils (eines Handlungskalküls, einer Empfindungsweise, eines Begehrenstypus), der die Einheit des Charakters zu ersetzen vermag.20 Der Gestus wächst der Figur buchstäblich über den Kopf, er löscht die Illusion ihrer psychologischen Integrität aus und setzt an deren Stelle die Referenz auf die alltägliche Lebenswelt der Zuschauer. Was der Schauspieler auf der Bühne zeigt, ist der soziale Akt eines alltäglichen Sprechens und Handelns. In dieser Perspektive bezeichnet der Wechsel vom Mimus zum Gestus lediglich die ideologische Kehre von der Psychologie zur Verhaltenslehre, von der bürgerlichen Moral zum historischen Materialismus. Der Repräsentationsmodus der Bühne bliebe davon unberührt. (Auf diese Lesart bezieht sich Barthes’ Einwand, dass noch das der Kritik des Zuschauers ausgelieferte Bild der Gesellschaft eben dieses bleibt: ein totalisierendes Bild der Gesellschaft, sei es wie bei Diderot als Tableau, wie bei Eisenstein als Montage oder wie bei Brecht als sozialer Gestus gedacht.) 


Neubestimmung des schauspielerischen Darstellungsmodus


>Unmittelbar< aber ist der soziale Gestus weder gegeben noch nachzuahmen. Er ist durch den Schauspieler am alltäglichen Verhalten erst festzustellen und zu präparieren. Als poetologisches Konzept begründet der >soziale Gestus< eine grundlegende Neubestimmung des schauspielerischen Darstellungsmodus. Er zielt auf eine neue Form der Referenzialität, eine neue Form der Relation zwischen der gesellschaftlichen und der ästhetischen Realität der Zuschauer. Die Geste weist nicht mehr von der äußeren Erscheinung eines dargestellten Körpers auf dessen Innerlichkeit, sondern bezieht diesen Körper in seinem Verhältnis zu anderen Körpern und Dingen auf ein außenliegendes, fremdes Sehen.

Auf diese konstruierte Sichtbarkeit zielt Brecht, wenn er im schauspielerischen Gestus die Logik des Sozialen transparent machen will. Der Gestus bezeichnet den Sprung von der psychologischen Binnenlogik eines verstehenden Sehens, das die Darstellung als Abbild der Alltäglichkeit wahrnimmt und deutet, in die Außenperspektive eines Sehens, das der Darstellung fremd gegenübersteht.

Das alltägliche Verhalten findet sich im Gestus nicht repräsentiert, sondern einer anderen Perspektive unterstellt. Diese andere Perspektive lässt, statt die Logik der alltäglichen



Wahrnehmung zu reproduzieren, die Kommunikationsakte selbst als Formen des In-Beziehung-Tretens sichtbar werden.21 Im sozialen Gestus ist die alltägliche soziale Welt der Zuschauer als Form ihres In-Gesellschaft-Seins von außen einsehbar, anschaulich geworden. Er repräsentiert keine ideologiekritische Sicht auf das Soziale, sondern wird dem Zuschauer zum Medium eines außenliegenden, fremden Blickes auf das ihm eigene, alltägliche Verhalten.

Von hier aus erscheint einleuchtend, warum Brecht den Begriff des Gestus so scharf gegen den psychologischen Illusionismus stellt. Indem er den Gestus von jeder Form der Imagination (Einfühlung, Illusion) abgrenzt, kann das Gestische als ästhetische Erfahrungsmodalität jenseits der Dichotomie von Schein und Realität vorortet werden. Der Gestus gewinnt in dieser Abgrenzung seinen Charakter als Medium (als Erfahrungsform >Zuschauen<, wie sie bei Lessing und Diderot entwickelt ist) zurück, das zwischen alltäglicher und ästhetischer Realität vermittelt. Mit dem sozialen Gestus wird das Theater des alltäglichen Verhaltens zu einem Schauspiel für Zuschauer, die dieses Theater im alltäglichen Regelfall leben. Dieses unterscheidet den sozialen Gestus als künstlerische Form von den Alltagsgesten, ob diese nun von Schauspielern nachgeahmt oder Teil des tatsächlichen sozialen Verhaltens sind.22 


Literaturangaben und Anmerkungen
19 Brecht: Über den Beruf des Schauspielers, S. 409. [^]
20 Vgl. Keller: Der Gestus als neues ästhetisches Zeichen, S. 505. [^]
21 Hier schon ist die entscheidende Übertragung der Bedeutung des Gestus vollzogen. Meint er doch weder eine expressive Entäußerung subjektiver Empfindung noch die sekundäre Untermalung des Redens mit Mitteln körperlicher Bewegung. Vielmehr wird die physiognomische Lektüre psychologischer Einfühlung, das Befragen der Mimik und der körperlichen Erscheinung auf ihre innere Empfindungsbewegung hin zum Modell einer Anschauung, die sich nun auf die Akte der Alltagskommunikation richtet. Sie unterstellt diese gleichsam einer Lektüre zweiten Grades und führt so in alle gesellschaftlichen Beziehungen und Handlungen ein Spiel von Differenzierungen ein, von dem bereits kurz die Rede war. Ich meine die Differenz, die der Mimus an der Handlung hervorgebracht hat, indem er genau jene Elemente an ihr zum Gegenstand seiner mimetischen Wiederholung werden lässt, welche die konkrete Handlung gegen den reinen Vollzug abhebt. [^]
22 Bei Brecht heißt es zu dieser Unterscheidung im "Kleinen Organon": "Den Bereich der Haltungen, welche die Figuren zueinander einnehmen, nenne wir den gestischen Bereich. Körperhaltung, Tonfall und Gesichtsausdruck sind von einem gesellschaftlichen Gestus bestimmt." Brecht: Kleines Organon für das Theater, S. 690. Und weiter an anderer Stelle: "Darunter verstehen wir einen ganzen Komplex einzelner Gesten der verschiedensten Art zusammen mit Äußerungen, welcher einem absonderbaren Vorgang unter Menschen zugrunde liegt und die Gesamthaltung aller an diesem Vorgang Beteiligten betrifft, oder einen Komplex von Gesten und Äußerungen, welcher, bei einem einzelnen Menschen auftretend, gewisse Vorgänge auslöst, oder auch nur eine Grundhaltung eines Menschen." "Ein Gestus zeichnet die Beziehungen von Menschen zueinander." Brecht: Neue Technik der Schauspielkunst, S. 753. [^]

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